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Bei Wanderfahrten geht es gewöhnlich so, wie beim Urlauben: Es zieht uns in die Ferne. Und auf die Idee, einmal die Sehenswürdigkeiten der eigenen Stadt zu erkunden, darauf kommen eigentlich nur die lieben Verwandten auf Besuch in der Hipsterhauptstadt oder vor kurzem Zugezogene, Neuberliner allemal. Der hieß in diesem Falle Stefan.

Los ging es Freitagabend, 4. September 2015 am heimischen Steg in Grünau mit einer Routenänderung: Ein Träger der im Bau befindlichen neuen Spreebrücke in Treptow-Köpenick war einige Tage zuvor abgestürzt, was eine Sperrung der Spree für den Schiffsverkehr zur Folge hatte. Nach Auskunft der Wasserschutzpolizei war noch unklar, wie lange die Sperrung andauern sollte. Die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung beeilte sich jedoch klarzustellen: “Nach derzeitigem Kenntnisstand gehen wir nicht davon aus, dass die Eröffnung der Brücke 2017 gefährdet ist”. Wie auch immer, wir nahmen die eigentlich für die zügige Rückfahrt vorgesehene Route über den, sieht man einmal von den jugendlichen Ruderinnen, die uns ein Stück begleiteten, ab, wenig aufregenden Teltowkanal zur Rudergemeinschaft Wiking, wo die Boote über Nacht lagern durften.

Die zweite Etappe unserer Wanderfahrt führte uns am Samstagmorgen dann endlich an den zahlreichen Sehenswürdigkeiten der südlichen Berliner Stadtteile Neukölln, Tempelhof, Steglitz und Zehlendorf vorbei. „Vorbei“ ist insofern wichtig, als dass wir dieselben wegen der Kanalführung in einem tiefen, trapezförmigen Geländeeinschnitt nicht haben sehen können. Höhepunkte waren umso mehr die Durchfahrten unter den vielen Brücken, die nach den zahlreichen Lokalgrößen, die sich um den Bau des Teltow-Kanals verdient gemacht haben, benannt sind. Stellvertretend seien hier Landesbaurat Otto Techow, Adolf Hannemann, Kämmerer des Kreises Teltow und Emil Schulz, Amts- und Gemeindevorsteher von Groß-Lichterfelde und Mitglied der Kreis-Kanalkommission genannt. Rudertechnischer Höhepunkt dieses Streckenabschnitts war die Überholung des Gütermotorschiffes „Aqua“ kurz vor dem Tempelhofer Hafen, dessen Lagerhäuser dem Zeitgeist folgend inzwischen eine Shopping-Mall beherbergen. Für uns bot der Hafen Gelegenheit für eine kleine Pause.

In Kleinmachnow wehte nicht nur der Mantel der Geschichte - früher wurde hier für den Endsieg geforscht, später nächtigten hier Staatsgäste der DDR - sondern erstmals auch ordentlich Wind. Wenigstens kein Regen, dachten wir uns. Hinter der beeindruckenden, wilhelminischen Schleusenanlage Kleinmachnow und damit zwei Meter fünfundachtzig tiefer - dem Schleusenwärter ein dreifaches „hipp, hipp, Hurra!“ - legten wir am Ruderclub Kleinmachnow-Stahnsdorf-Teltow an, wo uns Alex und Begleiterin Manja schon mit Kuchen, Brezeln (ohne Butter allerdings) und Kaffee (ohne Zucker allerdings) erwarteten. Der Ruderclub besteht, Randnotiz, aus einem etwas größeren Kleingartengrundstück und einigen im Freien gelagerten Ruderbooten, von denen einige mit mehr oder weniger lernbegeisterten Schülern auf dem Wasser waren. Und was soll ich sagen? Die Mädels sahen (rudertechnisch) einfach besser aus!

Weiter ging es über den Griebnitzsee nach Babelsberg. Herrlich - diese Landschaft! Herrschaftlich - diese Anwesen! Herrjeh - dieser endlose Streit um einen öffentlichen Uferweg auf privatem Grund. Überall Mähroboter, die ihr Terrain gegen Spaziergänger verteidigen. Doch alles das war noch nichts gegen die Ansichten, die uns Schloss Babelsberg, Schloss Glienicke, die Glienicker Brücke und Potsdams Stadtsilhouette boten. Gucken und Genießen war leider nur kurz möglich, denn die Überfahrt zur Sacrower Heilandskirche war doch recht wellig und wir konzentrierten uns auf’s Rudern. Dort erwartete uns ein Postkartenidyll: eine Hochzeitsgesellschaft, Segelboote und ein kleiner Strand mit Bäumen, unter den sich gut verweilen ließ. Ein Hoch auf die Fahrtenleitung!

Weiter ging es fast wie von allein. Der Wind trieb uns über die Havel, vorbei an der Pfaueninsel, dem großen Wannsee, an Schwanenwerder. Zwar blieben wir in Ufernähe, doch der Südwestwind vor einer Regenfront nahm weiter zu und so geschah es: Das längste unserer drei Boote, ein gesteuerter Gig-Vierer nahm zwei, drei Mal Wasser und die nächste Welle erledigte den Rest. Halb zogen wir, halb sanken wir hin - so erreichten wir einen Schutz bietenden Segelhafen. Das Gepäck schwamm davon, richtig zu rudern, das ging nicht mehr. Also stiegen wir nacheinander aus. Huguette als Erste. Dass ihr das Wasser nur zur Brust reichte, brachte allgemeine Erleichterung. Das Team einer zu unserem Glück nahe gelegenen Wasserrettungsstation half Reinhard und Stefan beim Bergen von Boot und Gepäck. Stefan zog das Boot dann heldenhaft um einen Steg herum zu einer Badebucht, wo es abgelegt werden konnte. Wir bekamen Tee und Decken und eine Spendenquittung. Draußen ging ein kurzer, aber heftiger Regen nieder.

Das Wetter beruhigte sich, die Aufregung auch, und so ruderten die trocken Gebliebenen die drei Boote in Unterbesetzung die letzten Kilometer zum Etappenziel Spandauer Ruderclub „Friesen“, während die anderen von Autos abgeholt wurden. Zum Glück waren nicht alle Mobiltelefone nass geworden.

Der dritte Tag begann mit Regen, wenig Regen, viel Regen, Nieselregen. Wasserfeste Kleidung und Gefriertüten über die Socken gezogen, hielten uns aber trocken und die Stimmung hoch. Spandaus Reize blieben uns wasserseitig verborgen. Nur ein klitzekleiner Schrebergarten direkt am Ufer neben der Eisenbahnbrücke stach mit Holzhütte im Schweizerstil samt Geranien, übergroßer Regenbogenfahne und den Flaggen Preußens und der Bundesrepublik heraus. An der Spreemündung folgten wir den Spundwänden nach Osten, passierten das Heizkraftwerk Reuter, fragten uns, warum jemand ausgerechnet an der Fäkalienschiffsanlegestelle angelt und erreichten die Schleuse Charlottenburg: eine 115 Meter lange Schleusenkammer nur für uns! Hipp, hipp, Hurra!

Wir folgten der Spree aufwärts, vorbei am Schloss Charlottenburg, schönen Altbauten, weniger schönen Wiederaufbauten und wollten am Liebsten „quer durch Berlin“ - doch ist das bekanntlich verboten und so bogen wir am Spreekreuz nach Süden in den Landwehrkanal ab. Eine sonntagvormittägliche Beschaulichkeit breitete sich zwischen den Gebäuden der Technischen Universität Berlin aus. Schon sahen wir das Charlottenburger Tor und die Unterschleuse des Landwehrkanals. Hipp, hipp, Hurra!

Es folgte eine kurze Pause im Kleinen Tiergarten, Sie wissen schon wo, um diese Zeit ist da nüscht los. Weiter ging’s. Ein „Wir grüßen die Bundeskanzlerin mit einem dreifachen…“ an der CDU-Parteizentrale musste wegen Gegenverkehrs kurzfristig ausfallen. Hatte ich den Regen schon erwähnt?

Den schmalen Landwehrkanal teilten wir uns mit einigen kaum besetzten Ausflugsdampfern. Schlag um Schlag zogen die Stadtteile und ihre Ufer an uns vorbei. Es regnete immer noch, aber der Blick vom Wasser auf den Rosinenbomber am Technikmuseum, auf die U-Bahn hoch über unseren Köpfen, auf den Wochenmarkt am Maybachufer, das ist selbst bei Regen schön. Im Urbanhafen gab es auf einem Restaurantschiff guten Kaffee und leckeren Kuchen und endlich kam auch die Sonne hervor.

Neuköllns beste Seite ist eindeutig die Wasserseite! Wunderschön ist die Fahrt auf dem Neuköllner Schiffahrtskanal. Jedenfalls bis man um die Ecke kommt. Die eine Seite des Neuköllner Hafens dient dem Altmetallumschlag, die andere dem - ich hab da nicht so genau hingeguckt, aber Felix wusste Bescheid. Der wohnt ja da. Und Gras haben die geraucht. Jedenfalls kommt dann das Estrel und danach die unglaublich langsame Schleuse mit 30 cm Höhendifferenz und „Selbst-Bedienungsanleitung“, hipp, hipp, hurra, die angeblich nur deswegen noch nicht beseitigt wurde, weil sonst die Ausflugsschiffe nicht mehr unter den Landwehrkanalbrücken durch passen. Und, schwupps, waren wir wir wieder bei der RG Wiking.

Die Spreesperrung war inzwischen, oh Wunder, aufgehoben, so dass wir die eigentlich für die Hinfahrt geplante Route über die Spree, vorbei an der Köpenicker Altstadt, nach Grünau nehmen konnten. Ob die Herren-Mannschaft schwächelte oder es nur wegen unbedingt nochmals aufzutragender Sonnencreme zu mehrfachen Zwischenhalten kam, ist unbekannt. Jedenfalls ist es eine Blamage trotz Rückenwindes zweimal von der „Wasserkutsche“ überholt zu werden, das muss hier mal gesagt werden! Nebenbei, hatte ich die Wellen schon erwähnt? Jedenfalls waren die Jungs plötzlich ganz fix als es beim Einbiegen in die Regattastrecke aus heiterem Himmel einen Wolkenbruch gab, der uns auf den letzten Metern noch vollkommen durchnässte. 92 Kilometer und dann sowas! Egal, es hat uns Spaß gemacht! Ach, Ihr wollt noch wissen, wer mit „wir“ gemeint ist? Das sind: Alex, Andreas, Antje, Carola, Daniel, Eva, Felix, Florian, Franz, Hans-Peter, Huguette, Martin H., Reinhard und Stefan!

Aufgeschrieben von Andreas

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